Ich kam vom Essen und ging den staubigen Straßenrand entlang zu meinem Hotel. Mit kam ein kleiner Mann entgegen. Er hatte ein Tuch umgebunden, in dem hängemattenartig ein schon etwas zu großes Kind lag. Dahinter ging ein noch ein anderes, deutlich jüngeres Kind. Als ich am Mann vorbeiging, stellte ich fest, dass der halbe Junge in Gips war. Sein Blick war abwesend und er schien vor sich hin zu vegetieren. Ich drehte mich nach den Dreien um. Sie wirkten sehr arm auf mich. Ihre Kleider waren abgerissen. Der Mann bewegte sich nur langsam vorwärts, fast verzweifelt. Ich entschied mich ihm eine Spende zukommen zu lassen. Ich zog tausend Rupien aus meiner Tasche und entnahm einen Hunderter, 1,33 Euro. Davon kann man hier einen Tag lang auskommen. Ich holte den Mann ein, drückte ihm das Geld in die Hand und fragte ihn, ob ich ein Foto machen könnte. Er wiegelte ab. Das konnte ich verstehen. Da kommt so ein Tourist daher und will ein Foto von einem bettelarmen Mann und seinen zwei Kindern schießen. Mir kam der Gedanke an Armutstourismus. Ich ließ es dabei bewenden. Von der Ferne schoss ich noch ein Beweisfoto.

Ohne es tatsächlich zu wissen, denke ich mir, dass die Verletzung eines Kindes in solchen Verhältnissen mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Todesurteil sein kann, während ein deutsches Kind wahrscheinlich ohne bleibende Schäden davon kommen würde.

Diese Situation hat mich tatsächlich ein wenig überfordert. Dass ich nichts machen könnte, stimmt einfach nicht. Ich hätte deutlich mehr machen können. Ich hätte anbieten können, dass der kleine Knirps ins Krankenhaus kommt, dort behandelt wird und ich die Rechnung zahle. Das erschien mir aber zu viel Aufwand. Ich hätte mit dem Mann reden müssen, der sicherlich kein Englisch kann, ich hätte mich erkundigen müssen, was mit dem Kleinen ist, um dann entsprechende Maßnahmen zu veranlassen. Stattdessen sagte ich mir, dass „man“ da auch nichts machen könne und beruhigte mein Gewissen mit 1,33 Euro. Natürlich könnte „man“ auch entgegen halten, dass ich überhaupt gehandelt hätte. Aber war das alles, was in meiner Macht stand? Warum habe ich nicht die 1000 Rupien hingegeben? So viel war es mir dann doch nicht wert in diesem Moment. Ich weiß noch nicht so recht, wie ich handeln würde, wenn mir die gleiche Situation noch einmal passieren würde. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es mehr solcher Fälle gibt, als das ich mich darum kümmern könnte.

Die Welt retten, das sehe ich nicht als meine Aufgabe. Tatsächlich ist mein Wohlstand zu einem großen Teil lediglich von meinem Geburtsort abhängig. Ich hatte einfach mehr Glück als der indische Mann mit den zwei Kindern. Könnte ich nicht einen kleinen Teil meines Geldes abgeben, mich wenigstens einer Seele zu helfen verpflichten? Was würdest du machen?

4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Hey Steffen,
mich hat dein Erlebnis sehr bewegt und auch betroffen gemacht. Nur allein vom Lesen. Wenn ich in deiner Situation gewesen wäre, hätte ich mich glaube ich hilflos und ohnmächtig und auch traurig gefühlt. Und ich glaube, dass wir Menschen oft das Gefühl von Hilflosigkeit nur schwer aushalten können und danach suchen wie wir jetzt helfen können. Und manchmal ist unsere Hilfsbereitschaft (egal aus welchen Gründen) begrenzt. Und ich finde es wichtig das Gefühl von Hilflosigkeit anzunehmen. Was nicht für mich heißt nicht zu helfen. Für mich hast du das an Hilfe gegeben, was du bereit warst zu geben. Ich bin kritisch ob Spenden immer da ankommen, wo sie tatsächlich gebraucht werden. Und auch ich frage mich hin und wieder, ob ich nicht zu „egoistisch und wohlständisch“ lebe, als viele andere Menschen in dieser Welt. Ja, das tue ich. Und gleichzeitig berühren mich Schicksale, wie du sie beschreibst. Und schon alleine das macht mir ein Gefühl von „Anteilnahme“ und „die Realität sehen“. Aktiv geholfen habe ich dennoch nicht. Aber ich bin mit dem Gefühl dabei.
Wichtig ist, dass jeder für sich definiert was „Helfen“ heißt. Und das kann nur jeder für sich entscheiden.

Danke für deine Meinung. Ist spannend darüber nachzudenken. Ich kann mir vorstellen, dass ich eine Patenschaft übernehme. Einfach um einen Beitrag zu leisten. Aber da habe ich mich noch nicht informiert. Das werde ich in den nächsten Wochen aber tun. Viele Grüße aus Delhi, Inidien
Steffen

Vera + Bernd Kleinfeldt
4. November 2016 16:38

Hi Steffen,
ich war ja mehrere Jahre in verschiedenen Bundesstaaten in Indien tätig. Bei einer Baustelle (Krankenhaus Rehabilitation) habe ich die Kinder von kranken Wanderarbeiter weiter arbeiten lassen. d.h. weniger Steine tragen lassen, aber voll gezahlt, einschließlich „Gehalt“ der Eltern. So war Geld zum „überleben“ vorhanden.
Mein Tun stiess auf Unverständnis meiner indischen Bauingenieure !!!
Gruss Bernd

Hallo Bernd, in einem Land, wie Indien, gibt es oftmals völlig andere Wertvorstellungen. Ein schöner Zug von dir, den du da gezeigt hast. Und danke für deinen Beitrag. Viele Grüße, jetzt aus Delhi
Steffen

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