Von indigener Pflanzenmedizin

Christian

Auf unserer Tour zum zu Machu Picchu lernten wir Christian aus den USA kennen. Er lebt schon eine Weile in der Gegend. Ich erzählte ihm, dass ich gern an einer Ayahuasca-Zeremonie teilnehmen wollte. Er sagte, dass er einen Schamanen kenne, dem er 100% vertraut. Ich glaubte ihm. Er erzählte weiter, dass hier in der Gegend auch die Pflanzenmedizin San Pedro (in der Sprache Quechua “Huachuma”) angewandt wird. Er lud uns zu seinem geheimen Ort ein, um es mit ihm zu nehmen. Wir sagten zu. Mein Grund dafür: Ich beschäftige mich seit Jahren mit Psychologie. Mich interessiert, wie die Psyche so aufgebaut ist. Außerdem habe ich meine Themen zu bearbeiten.

Die Intention

 

Wir sollten uns eine Intention überlegen: Meine war: „Etwas Altes heilen und damit den nächsten Schritt gehen.“

Der geheime Ort

Wir fuhren mit dem Minibus nach Pisac. Es liegt eine Dreiviertel Stunde entfernt von Cusco im Sacred Valley. Von dort aus brachte uns ein gechartertes Privatauto eine halbe Stunde lang bergauf ins Nirgendwo in die Berge an einen See. Wir stiegen aus und vereinbarten die Abholung viereinhalb Stunden später. Christian rührte für jeden eine Tasse Huachuma aus getrocknetem San Pedro Pulver und Wasser an. Das Pulver hatten wir auf dem San Pedro Markt in Cusco gekauft. Es ist keine Droge, es ist eine Medizin. Es wird nicht zum Vergnügen genommen. Christian sagte: „Es will, dass Du weißt, was Du da tust.“ „Es“ schaffte es bei mir. Es war ein echter Horror die ganze Tasse zu trinken. Das Zeug ist superbitter. Nachdem wir jeder unsere Tasse getrunken hatten gingen wir ein wenig am See entlang. Nicht allzu weit. Viola und mir war schlecht. Außerdem waren wir von unserer Diät kraftlos. Zusätzlich hatten wir zur Vorbereitung an diesem Tag nichts gegessen. Es war kurz vor Mittag. Wir liefen den kleinen Pfad entlang und kamen bald zum Liegen. Christian holte seine Ukulele raus. Er kann traumhaft spielen. So weit draußen, doch waren nicht allein. Ein Schafhirte webte einen Gürtel von Hand. Zwei Kinder kamen herbei. Irgendetwas war anders an ihnen. Ich entdeckte über mir eine Herde Alpakas. Ich mag die sehr. Deswegen entschloss ich mich zu ihnen zu gehen. Viola und Christian blieben unten. Ich machte mich, geschwächt und mit Würgereiz, auf den Weg nach oben. Ich kam nur sehr langsam voran und brauchte immer wieder eine Pause. 20 Meter von den Tieren entfernt ließ ich mich nieder. Die Kinder waren mir gefolgt. Ich hatte die ganze Zeit meinen Brechreiz weggeatmet. Doch jetzt bekam ich Bauchweh. Mein Körper sagte mir, dass ich jetzt etwas loswerden sollte. Ich übergab mich. Es tat gar nicht so weh wie sonst und interessanterweise kam auch nur eine gewisse Menge heraus. Ich schmeckte noch einmal den widerlich bitteren Geschmack in meinem Mund. Es war so, als ob sich mein Körper und Huachuma abgesprochen hatten. Ich hatte jetzt die richtige Dosis in mir. Ich fühlte mich viel besser. Und ich war müde. Ich machte mich auf näher an die Lamas zu kommen und ließ mich zwischen ihnen nieder. Sie waren nicht sonderlich scheu. Ich war interessiert an ihnen und sie an mir. Und ich lernte ihre Mutter, die Hirtin, kennen. Jedes ihrer Alpaka hat einen eigenen Namen. Doch ich glaube sie erkannte, was mit mir los war und ließ mich bald wieder allein. Anders die Kinder. Sie blieben in meiner Nähe. Ich war schwach und lag die meiste Zeit. Jede Bewegung war anstrengend. Ich war klar.

 

Heilige Kinder

Irgendetwas war anders mit diesen Kindern. Sie redeten gar nicht richtig, sie flüsterten nur. Sie sprachen Quechua. Ich wusste gar nicht, dass Quechua auch Klicklaute verwendet, so wie andere indigene Sprachen. Sie waren nicht nervig, sondern ganz friedlich miteinander und teilten mit einer Haltung das Trinken, die ich nie zuvor gesehen habe. Mit ihren Steinschleudern konnten sie sehr zielgenau schießen. Christian kam nach einer Weile hoch zu mir. Er meinte: „Diese Kinder hier sind heilig.“ Ich verstand genau, was er meinte. Sie leben stimmig zu ihrer Umwelt. In völliger Balance. Erstaunlich. Ich fühlte noch immer nichts vom Huachuma. Ich bestaunte die Schönheit des Ortes. Das tue ich oft. Und die Zeit war rum. Christian war schon vorgegangen.

Der Aspekt

 

Der kleine Junge nahm mich bei der Hand und wir stiegen ab zu Viola. Auf dem Weg nach unten entdeckte ich eine Hummel. Da ich ja Imker bin interessierte mich ihr Name auf Quechua. Ich zeigte sie dem kleinen Jungen und fragte auf Spanisch nach dem Namen. Doch der antwortete nicht, sondern fing an nach der Hummel zu treten. Ich gab mir die Schuld daran. Vielleicht dachte der Kleine, dass ich ihm einen „Schädling“ gezeigt hatte. Der Junge hatte die Hummel totgetreten. Mein Imkerherz blutete. Ich dachte mir: „So sind sie, die Kinder.“ Der Junge zeigte mir den Hummelstachel. Ich nickte. Dann fing er an die Hummel vom Hinterteil her aufzubrechen. Kurz vor dem Mittelstück zeigte er mir etwas. „Es dulce!“ (Das ist süß!) sagte er. Ich nahm das Stückchen Glibber und steckte es mir in den Mund. Es war süß. Ich begriff: „Es war der Hummelmagen!“ Bienen wandeln Nektar mit ihrem Bienenmagen in Honig um. Und Hummeln tun es genau so. Ich begriff einen ganz neuen Aspekt des Imkers. Und gleichzeitig hatte ich Hummelhonig gegessen. Ich war entzückt. Was sich zunächst für mich als kleine Katastrophe dargestellt hatte, wurde zu einer bereichernden neuen Erfahrung. Ich spürte Dankbarkeit gegenüber der Hummel, dass sie ihr Leben gab, damit ich diese Einsicht gewinnen konnte.

 

Erweiterungen

 

Viola und ich gingen allein auf dem Trampelpfad zurück zum Auto. Doch der Weg kam mir auf einmal viel länger vor. Richtig lang. Ich ging und ging. Ich drehte mich um. Doch war ich gefühlt nur ein kurzes Stück gegangen. Ich realisierte, dass sich meine Wahrnehmung verändert hatte. Ich ging weiter. Es kam mir wieder vor als ob ich weit gegangen war, doch beim Rückblicken war die zurückgelegte Distanz wieder nur kurz. Ich war klar bei Verstand. Nur meine Wahrnehmung war anders als sonst. Ich fragte mich, womit diese “Verzerrung” (Wahrnehmung ist immer verzerrt) zu tun hatte? Es war eine Metapher. Wenn etwas zeitlich vor uns liegt, dann kommt uns das Vergehen der Zeit generell lang vor. “Das Jahr 2016 ist noch so lang.” Doch rückblickend wird es wie im Flug vergangen sein (Futur II). „Interessant!“ Meine zeitliche Wahrnehmung hatte sich in räumliche Wahrnehmung übersetzt. Ich erklärte mich vor Viola für offiziell „high“. Außerdem fiel es mir auf einmal viel leichter Englisch als Deutsch zu sprechen. Ich bemerkte, wie ich englische Wendungen nutzte, die ich sonst nie verwendet hatte. Auf dem Weg im Auto zurück nach Pisac erschienen mir alle Farben kräftiger als sonst.

Things went different

 

In Pisac kann man innerhalb von fünf Minuten von einen Ende an das andere Ende laufen. Wir waren auf den Weg zum Ortsrand als wir an einem „Shaman store“ vorbeikamen. In der Tür stand ein dicker Peruaner mit rosa T-Shirt. Christian begrüßte ihn freundlich. Er lud uns ein seinen Shop zu betrachten. Ich dachte mir „Jetzt soll uns wieder was verkauft werden.“ Doch ich ging hinein. Der Shop war spannend. Edelsteine, Tuchdrucke, Condorfedern, steinernde Totenköpfe und Musikinstrumente. Doch ich hatte kein Kaufinteresse. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Der Schamane ging zu den Musikinstrumenten und griff eine Flöte. Was er spielte klang für mich wie Indianermusik. Die Kombination aus dem Klang und der Anmut, mit der der Dicke im rosa Shirt spielte, trieb mir die Tränen in die Augen. Ich musste mich kurz setzen und fand einen Hochstuhl. Der Schamane sah zu mir rüber und begann etwas zu suchen. Er griff nach einem Fläschchen und kam zu mir rüber. Ich hörte Christian, wie er sagte: „Perfect.“ Ich sollte die Augen schließen. Er pustete mir eine Art Blütenzeug ins Gesicht. Von diesem Moment an “things went different”. Ich war hypnotisiert. Etwas breitete sich in mir aus. Ich hörte Musik und war auf meinem Hochstuhl wie angewurzelt. Ich war ganz bei mir und fühlte mich verbunden. Ich dachte alle wären im selben Zustand wie ich. Doch nach einer Weile wurde mir klar, dass NUR ich in diesem Zustand war.

Körperlich völlig fertig verließ ich mit Christian und Viola den Store. Der Schamane meinte, dass er seinen Store am nächsten Tag für mich öffnen würde. Wir hatten etwas zu klären. Ich versprach im vorbei zu kommen. Christian, Viola und ich setzten und an ein Maisfeld und betrachteten den Sonnenuntergang. Ich hatte eine Vision. Plötzlich ergab mein bisheriger Lebenslauf Sinn. Warum ich mich mit Psychologie befasse, warum ich beim Militär war und warum ich so etwas machte, was ich heute machte. Es wurde mir klar.

 

Alte Wunden

 

Christian holte wieder seine Ukulele heraus. Er spielt fabelhaft. Er sagte, dass alles, was er spielt, sehr persönlich für ihn sei. Während er spielte kam in Kontakt mit einem tiefen alten emotionalen Schmerz. Ich legte mich zurück ins Gras und ging in den Schmerz. Ich schrie vor Schmerzen. Es tat so weh. Ich fühlte mich durch Christians Klang der Ukulele gehalten. Es schmerzte so sehr. Ich lag im Gras und schrie. Es tat einfach nur weh. Nach einiger Zeit hatte sich der Schmerz verwandelt. Ich musste lachen. Fürchterlich lachen. Ich war durch. Etwas in mir war geheilt. Ich wusste nicht was, aber etwas war jetzt anders. Ich war den nächsten Schritt gegangen. Ich hatte das Wesen des weisen Wortes verstanden. Ich hatte verstanden, dass es irrelevant ist, wieviel man über den Anderen weiß und was ihm alles gut tun würde. Es ist einzig relevant, was der Andere annehmen kann. Und wenn der Andere nicht bereit ist oder nicht will, dann gibt es nichts, was man dagegen tun kann. Die große Kunst besteht darin ein Gespür dafür zu entwickeln, was für den Anderen gerade förderlich ist und was nicht.

 

Die ganze Zeit über war ich bewusst mit dem, was passierte. Wir philosophierten noch eine Weile. Ich war körperlich so sehr geschafft und müde. Aber ich konnte nicht schlafen. So ging es mir auch in der darauf folgenden Nacht. Ich ging ins Bad. Solche tiefen Einschnitte unter den Augen hatte ich bei mir noch nie gesehen. Und ich bin ja normalerweise schon der Herr der Augenringe.

 

Am nächsten Tag

Am nächsten Tag (Ostersonntag) ging ich, noch immer völlig erschöpft, zum Schamanen. Wir unterhielten uns nett. Es war klar, dass ich jetzt etwas in seinem Shop kaufen würde. Ich fragte ihn, was ein Lamamesser kosten würde. Er meinte: Gib mir 25 Euro. Das war es niemals wert. Doch mir war klar, dass ich damit den gestrigen Tag bezahlen würde. Außerdem sollte man nicht mit einem Schamanen verhandeln. Ich gab ihm das Geld und wir verabschiedeten uns freundlich von einander. Denn was ich am Tag zuvor von ihm erhalten hatte war mir deutlich mehr wert als 25 Euro.

Mein Talismann-Stein, ein schamanisches Messer und ein Lama, welches Viola mir schenkte:

Ayahuasca

Ostermontag war die nächste Zeremonie angesetzt. Ayahuasca. Es gilt als das stärkste Halluzinogen der Welt. Stärker als LSD. Ich wollte schon in Medellin (Kolumbien) an einer Ayahausca Zeremonie über drei Tage teilnehmen. Diese hatte ich verschoben, weil es zu viel Arbeit mit den Tassen gab. Ich war mir der Risiken dieser Substanz bewusst. Doch wollte ich unbedingt erfahren, was hinter dieser jahrhunderte alten Medizin steckt. Wir fuhren wieder im Minivan nach Pisac. Auf einer Pfirsichbaumplantage mit kleinem Haus hatte Eduardo alles vorbereitet. In PET-Flaschen abgefüllt, stand das braune Gemisch im Raum. Wir waren zu siebent. Neben jedem Platz ein Eimer. In ihn konnte man sich bei Bedarf übergeben. Er war reichlich vorhanden. Eine Stunde nach der Einnahme begann ich mich über den Eimer zu beugen. Die anderen stimmten mit ein. Dabei handelt es sich um einen ganz normalen Prozess. Er wird von den indigenen Völkern als Reinigungsprozess gesehen. Ich denke, der Körper wird das überschüssige Gift los. Fünf der acht Anwesenden waren fähig Musik zu machen. Eduardo und zwei Hippiefrauen hatten engelsgleiche Stimmen und spielten Ayahuasca-Medizinlieder. Ich hatte die Augen geschlossen und sah farbenfrohe Bilder. Nach vier Stunden war die Zeremonie vorbei. Ich hatte meinen Körper noch nicht wieder unter Kontrolle und lag einfach nur da. Kein Horrortrip. Eine nette Zeit. Wirklich tolle Musik. Es war eine gute Erfahung.

Ich habe Dir noch zwei interessante Dokumentationen zu peruanischen Heilern und Medizin rausgesucht:

Was denkst Du über indigene Medizin? Alles Quatsch oder ernst zu nehmen? Würdest Du sie probieren? Schreibe mir eine Mail oder in die Kommentare.

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