6 Tage schweigen und meditieren lernen: Wozu das denn?

„Ich will mich besser kennenlernen und noch mehr verstehen wie ich funktioniere.“

6 einhalb Tag schweigen, 45 Stunden mit geschlossenen Augen einfach nur da sitzen ohne zu schlafen. Lohnt sich das?

„Für mich, ja.“

Würdest ich es wieder machen?

„Ja.“

Im Juni nahm ich mir vor an einem Meditationsretreat teilzunehmen. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie aus einem Gedanken eine harte Tatsache wird. Der bloße Gedanke wurde mit Energie angereichert, wurde zu einer Entscheidung, wurde zu einer Planung und wurde zu einer Anmeldung mit Flugbuchung. Auf einmal befinde ich mich in Thailand und sehe mich mit der Realität konfrontiert, die ich selbst erzeugt habe.

Nun ist es soweit. Martin und ich haben die letzten Tage im beschäftigten Bangkonk verbracht. Montag mittags geht der Flieger nach Koh Samui. Die Insel ist eher als Mallorka Thailands bekannt. Doch kaum einer weiß, dass es in den Bergen der Insel ein Meditaionszentrum gibt.

Wir checken ein und bekommen gegen Abgabe des Handies und elektronischer Geräte ein Säckchen überreicht. Darin befindet sich ein Mückennetz und eine kleine Decke. Dann beziehen wir den Gemeinschafts-Schlafsaal. Auf uns wartet ein Holzbett mit Holz-Kopfkissen und eine Bastmatte.

Abends erhalten wir eine Einweisung in den Meditationsablauf. Mit einem Gong wird ein 6 einhalb tägiges Schweigen eingeläutet. Schweigend verlassen die rund 40 Teilnehmer die Meditationshalle und bereiten sich auf die Nachtruhe vor. Diese beginnt um 21:30. Im Schlafsaal herrscht durch die Schweigepflicht sowieso Ruhe. Jeder beschäftigt sich mit sich selbst. Worte fallen keine.

Tag 2

4:30 Aufstehen. Sitzmeditation. Die Meditationsanweisung lautet: bewusst und tief atmen und ihn beobachten. Das war’s. Das werde ich die nächsten Tage machen.

Ich sitze auf meinen Waden und bemerke, wie meine Unterschenkel und Füße einschlafen. Doch diesmal ist es anders. Ich leide nicht unter dem Kribbeln. Ich kann es zulassen, indem ich das Gefühl einfach nur beobachte. Nach 20 Minuten will ich meine Zehen bewegen. Aber es geht nicht. Sie sind taub geworden. Ich habe meinen Unterschenkel einschlafen lassen, ohne darunter zu leiden.

Erkenntnis: Wir folgen dem Reiz, der am stärksten ist. Ein Reiz muss eine bestimmte Reizschwelle überschreiten, damit wir auf ihn reagieren. Wir können diese Schwelle selbst wählen – wie ein Kitzeln, dass allmählich immer stärker wird – bis wir uns kratzen.

Der erste komplette Meditationstag ist vorbei. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es einfach war. Konzentrationsschwäche und Kopfschmerzen haben diesen Tag anstrengend für mich gemacht.

Tag 3

Das permanente Läuten der Morgenglocke erinnert mich ans Militär. Ich spüre ein Gefühl der Abneigung.

Erkenntnis: Es gibt keine Kontrolle im Außen. Wir können uns aber innen kontrollieren oder besser gesagt: regulieren und lenken.

Viele Menschen haben solcherlei Erkenntnisse bereits gehabt. Es gibt jedoch einen qualitativen Unterschied. Hast du die Erkenntnis lediglich auf einer gedanklichen Ebene gehabt oder ist diese Erkenntnis auch in das Gefühlsleben eingeflossen? Denn der rein gedankliche Erguss hat eher wenig Gehalt.

Unser Handeln wird auf der Gefühlsebene bestimmt.

Heute schaffe ich den Tag ganz gut.

Tag 4

Ich werde nicht von der Morgenglocke um 04:30 geweckt. Stattdessen werde ich vorher von heftigem Platzregen aus dem Schlaf geholt. Das Holz des Bettes ist etwas unangenehm am Rücken. Deswegen schlafe ich auch nicht mehr ein. Um 05:00 beginnt die Meditation. Ich stelle fest, dass sich die Reihen deutlich gelichtet haben. Ein paar Teilnehmer haben das Retreat abgebrochen.

Ich habe einen permanenten Druck in meinem Hals aufgespürt. Er verändert sich nicht. Normalerweise verändern sich Gefühle unter Beobachtung. Ich kann auch nicht herausbekommen, für welches Thema dieser Druck ein Indikator sein kann. Es sitzt einfach nur in meinem Hals. Ich spüre darüber ein Gefühl der Frustration in meiner Brust. Mir fällt ein, dass ich Geduld mit mir brauche. Das hilft.

Martin und ich meditieren oft beieinander. Das finde ich ganz toll. Wir reden nicht, weil wir ja schweigen. Wir sitzen beide in unserer Nähe. Gemeinsam, jeder für sich.

Meine Grundstimmung ist gut. In den Unterrichtseinheiten werden wir ab und zu aufgefordert fröhlich zu sein. Doch ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, geschweige denn eine Anleitung, wie man das anstellt. Also auf Knopfdruck fröhlich sein. „Sei dankbar! Sei fröhlich!“ Aber wie? Ich beschließe das zu beobachten und es herauszufinden.

Während des Meditierens gleite ich in meine Gedanken ab und denke darüber nach, wie schön es doch nachher sein wird am Nachmittag den Kakao zu trinken. Meine innere Stimme sagt mir: „Du sollst doch den Moment genießen!“ Mir wird bewusst, dass ich Situationen oftmals erst rückwirkend als schön beurteile, statt sie im Moment, wo sie tatsächlich passieren, zu genießen. Beim Kakao wird mir bewusst, wie ich an die Folgewoche denke. Hier darf ich meine Aufmerksamkeit dahingehend schulen, in der Gegenwart zu bleiben. Ich trinke ganz bewusst und schmecke die Schokolade auf meiner Zunge nach.

In der Abendmeditation wird mir bewusst, dass ein ausgeglichener Geist Balance zwischen der Innen- und Außenwelt herstellt. Stimmt unser Denken und Fühlen mit unserer Umwelt überein, ist das eine gute Voraussetzung um glücklich zu sein. Natürlich sollten die Gedanken und Gefühle positiver Natur sein, hahaha. Worum es aber geht, ist, dass Denken und Fühlen wirklich zusammen passen. Das tun sie nämlich sehr häufig nicht. Wir sind Realitätsverweigerer. Wir wollen nicht ärgerlich sein, sind es aber. Wir wollen nicht eifersüchtig sein, sind es aber.

Das gefühlte und das erdachte Erleben harmonieren noch nicht miteinander. Das Trickreiche an der Sache ist, dass wir uns einreden, dass wir schon weiter wären als wir es tatsächlich sind. Das hindert uns daran uns wirklich zu entwickeln. Gefühle brauchen Aufmerksamkeit, um zu wachsen. Die bekommen sie aber nicht, wenn wir sie abwerten. Das tun wir, indem wir unseren Gedanken mehr Glauben schenken als unserer Gefühlswelt.

Erkenntnis: Gefühle, Gedanken und Verhalten sind hierarchisch geordnet. Als erstes kommt das Gefühl, dann die Gedanken und dann das Verhalten. Ein Verhalten, bei dem Gefühl und Gedanken nicht zusammen passen, wird als unstimmig wahrgenommen. Nehmen wir den beleidigten Partner, der auf Nachfrage sagt: „Es ist nichts.“ Wir glauben ihm nicht und fragen weiter bohrend nach. Das zugrunde liegende, vom Gefühl gesteuerte, Verhalten hat mehr Gewicht als das gedankengesteuerte „Es ist nichts.“.

Hierarchisch geordnet bedeutet auch, dass es einen Einfluss von unten nach oben geben kann. Wie in einem Betrieb. Ein Mitarbeiter kann seinen Vorgesetzten durchaus in seinen Entscheidungen beeinflussen. Doch beeinflusst der Vorgesetzte den Mitarbeiter wesentlich mehr. Was bedeutet das für uns? Was können wir damit anfangen? Für mich bedeutet das, dass ich mich zukünftig wesentlich mehr auf meine Gefühlswelt konzentriere als auf meine Gedankenwelt. Hinzufühlen: „Was ist gerade meine gefühlte Wahrheit?“ und dann erst die Gedanken zuzuschalten. So habe ich wesentlich mehr Einfluss auf mich selbst.

Tag 5

Draußen regnet es. Es sieht so aus als wäre es draußen nebelig.

Erkenntnis: Arroganz ist Selbstüberhöhung in irgendeiner Art und Weise. Eine besonders schwierige Demutsübung besteht darin auf die Arroganz anderer selbst nicht mit Arroganz zu begegnen. Das fällt mir auf, als die Yoga-Lehrerin sagt: „Das ist bei weitem noch nicht die schwierigste Yogapose.“ und ich darauf mit einem gedanklichen „Ach ja?“ reagiere. Verdammt – schon wieder arrogant gewesen.

Heute kann ich mich beim Meditieren durch meine Gedanken hindurch konzentrieren auf meinen Atem. Die Gedanken sind zwar da, aber sie sind eher Beiwerk. Es ist wie im Kino: Ich kann durch die Leinwand hindurch auf den Lüfter des Projektors schauen und beobachten wie er sich gleichmäßig dreht. Ohne mich von den Projektionen ablenken zu lassen.

Ich bemerke, wie ich Gefühle und meinen Atem gleichzeitig beobachten kann.

Weil ich so tolle Arroganzerkenntnisse habe, münden sie auch gleich in neuer Arroganz. Ich bin einer der letzten beim Mittagessen. Eine Essensstraße ist aufgebaut. Reis, Gemüse, Melone zum Nachtisch. Mein Vorgänger nimmt sich selbstverständlich und gedankenversunken die letzten drei Melonenstücke. Für mich bleibt nichts mehr. Ich bleibe stehen, drehe meinen Kopf zu ihm und schaue ihn mit stechendem Offiziersblick an. Jetzt bemerkt er meinen verurteilenden Blick, realisiert sein Missgeschick und bietet mir sofort ein Stück an. Ich lehne ab. Mit meiner Aktion habe ich ihn beschämt.

Während des Essens denke ich über die Situation nach. Mir wird klar, dass ich zwar Recht hatte, dass aber meine Art und Weise überhaupt nicht okay war. Sie war arrogant. Ich überwinde mich und entschuldige mich für mein Verhalten. Ich merke, dass mir diese Demutsübung bekommt. Seine Reaktion ist außerordentlich positiv und ich bemerke, dass mein Entscheidung mit zu entschuldigen die richtige war. Es war wirklich hart über meinen Schatten zu springen.

Erkenntnis: Noch schwieriger ist es über Arroganz zu sprechen, ohne selbst arrogant zu werden.

Tag 6

Das Läuten der Morgenglocke um 04:30 erinnert mich wieder an meine Zeit bei der Bundeswehr.

Heute habe ich wieder Herausforderungen mit meinen Gefühlen. Ich realisiere, dass es das beste ist, wenn ich meine Gefühlsarbeit mache, wenn sie auch tatsächlich ansteht. Das bedeutet IN der Situation.

Der Gong der Klangschale zur Mittagsmeditation ertönt. Mir wird diesmal bewusst, dass jetzt die Reise nach innen wieder losgeht. Das löst bei mir einen Gefühlsausbruch aus. Heulend sitze ich da und beobachte mein Gefühl. Schnodder hängt mir von der Nase. Gleichzeitig freue ich mich, denn jede geweinte Träne ist auch immer ein Stückchen mehr Leichtigkeit.

Die Meditationsübungen setzen sich fort. Ich kann bunte Bilder vor meinen geschlossenen Augen sehen. Es sind keine Gedanken, sondern gesehene Bilder mit geschlossenen Augen. Vorher waren das immer schwarz/weiß Muster. Doch jetzt kommen Farbstiche. Ich finde es fantastisch das kaleidoskopartige Spiel zu beobachten.

Tag 7

Die Nacht war von Schlaflosigkeit geprägt und die Morgenmeditation war nicht sehr erfolgreich. Ich versuche es gelassen zu nehmen. Später kommen doch noch neue Erkenntnisse.

Weil ich alles subjektiv über meine Sinne wahrnehme und auf deren Interpretation reagiere, bin ich auch alles selbst. Es gibt nichts zu erfahren, außer mich selbst.

Heute ist der letzte Tag des Meditations-Retreats. Mir wird bewusst, dass das eigentliche Training jetzt erst beginnt. Das Retreat war nur eine Initiation. Wie reagiere ich beim nächsten mal, wenn mich jemand anblöfft? Wie transferiere ich wenigstens einige Erkenntnisse in meinen Alltag? Wie kann ich meine Meditationspraxis in den Alltag bringen? Das sind Fragen, die in mir aufkommen.

Deswegen beschließe ich täglich eine halbe Stunde Meditation in meinen Alltag zu integrieren.

Tag 8

Um 04:30 klingt die Weckglocke. Es gibt noch eine Meditations-Sitzung, bevor das Schweigen gebrochen wird.

Ich komme zu der Erkenntnis, dass es völliger Schwachsinn ist auf seine Gefühle sauer zu sein oder sie nicht haben zu wollen. Es gibt keine Gefühle zum Selbstzweck. Jedes Gefühl oder jede Körpersensation ist lediglich ein Indikator für etwas anderes, dass Aufmerksamkeit bedarf. Stell dir mal vor du brichst dir den Arm und hättest keine Schmerzen. Du wärst in Lebensgefahr, wenn du die Verletzung nicht behandeln würdest. Genauso sind Emotionen Signalgeber für etwas in uns, das Aufmerksamkeit bedarf. Und sei es „nur“ Selbstaufmerksamkeit oder auch Selbst-Achtsamkeit.

Fazit

Ich habe für mich den Wert von Meditation erkannt. Für mich war es die Zeit wert und ich werde wieder die Stille aufsuchen, um mich noch besser kennenzulernen. Gekostet hat das Retreat nichts. Es werden nur Spenden angenommen. Am Ende erhielt jeder einen Briefumschlag, in den ich anonym einen Betrag packen konnte. Anlecken, zukleben, abgeben, fertig! Ich habe 75€ gespendet. Reich wird man davon nicht. Auch nicht in Thailand. Wer sich informieren will, kann das hier tun (Hier klicken!).

P.S.: Martin hat das Vipasana-Retreat schon zum zweiten Mal gemacht und ebenfalls einen umfangreichen Bericht zu seinen Erfahrungen mit der Meditation geschrieben. Wenn du magst schau dir auch seine Videos an, in der er erklärt, welche Vorteile meditieren hat und wie die Meditationsübungen in deinem Gehrin wirken. Du findest auch seine Packliste fürs Schweigekloster und die Links zum Retreat ganz unten. Viel Spaß beim Lesen! 

6 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Bernd Bendig
1. Dezember 2017 16:11

Lieber Steffen,
mit großer Freude bearbeite ich für mich, gedanklich Deine großartigen Erlebnisse. Auch als Leser nehme ich Teil an Deiner Freiheit ohne Neid , nur voller großer Bewunderung für diesen, Deinen besonderen Lebensweg. Schön das Du diese großartige Reise mit uns teilst.
Wir sind mit den Gedanken bei Dir und Grüßen Dich herzlich aus der Heimat. Ein Bewunderer Deiner tollen Aktivitäten. Grüße auch an Viola von Bernd

Hallo Bernd,
vielen lieben Dank für deinen Kommentar und dein tolles Kompliment. Ich freue mich, dass du Freude an meinen Erlebnissen hast. Grüße an Viola sind ausgerichtet. Viele Grüße und bis ganz bald. 🙂
Steffen

Danke von Herzen, Steffen, für Deinen Bericht aus dem Steffen-Universum 😀
Er hat mich – wieder mal – sehr berührt. Es ist wunderbar, wie Du Dich (mit)teilst!

Steffen Raebricht
3. Dezember 2017 1:56

Ach, freut mich, dass er dir gefällt. 🙂 Viele Grüße und auf ein baldiges Skype-Gespräch. 😀

Peter Meixner
3. Dezember 2017 14:16

Hallo Steffen,
bei deiner am 4ten Tag gemachten Erkenntnis bezüglich der Hierarchie -Gefühle, Gedanken, Verhalten – fiel mir unmittelbar der Aphorismus aus dem Talmut ein:
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten
Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Charakter
Achte auf deinen Charakter, denn er wird zu deinem Schicksal.
Deiner Erfahrung entsprechend wäre also
„Achte auf eine Gefühle, denn sie werden zu deinen Gedanken“
als erster Satz dieses Aphorismus eine Überlegung wert.
Liebe Grüße,
Peter

Hallo Peter, das klingt gut, was du da vorschlägst. Unsere Gefühlsmäßige Wahrheit setzt sich meistens durch – weniger die gedankliche. Obwohl die beiden natürlich eng miteinander verknüpft sind. 🙂 Viele Grüße und Danke für deinen Kommentar.

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