Ich bin in Indien. Deswegen brauche ich auch eine spirituelle Erfahrung. Ich durchsuche das Internet, was in der Nähe von Neu-Delhi angeboten wird. Ein spirituelles Zentrum bietet an diesem Wochenende ein „Shamanic Breath Retreat“ an. Das buche ich.

Der Kursleiter sieht mit seinem Vollbart und seinen langen grauen Haaren schamanisch genug aus. Er redet mir ein wenig zu viel. Ich will lieber mit den Übungen anfangen. Nach der ersten Pause beginnen wir mit einer geführten Meditation an, einer Traumreise. Ich hasse Traumreisen, weil ich sie wischiwaschi finde. Ich will lieber etwas haben, das kickt. Nachmittags soll eine dreistündige Atem-Session stattfinden.

Nach der Mittagspause finden wir uns im abgedunkelten Raum ein, in dem für jeden Teilnehmer eine Matratze auf dem Boden liegt. Wir werden instruiert schnell und tief in den Bauch zu atmen – also bewusst zu hyperventilieren. Ich bekomme ein wenig Angst. Denn das habe ich schonmal gemacht. Und wenn man das richtig macht, dann ist das kein Kindergeburtstag mehr.

Ich entschließe mich in die Vollen zu gehen und lege mich hin. Die Laptop-Musik startet und wir sollen losatmen. Ich beginne laut zu schnaufen. Ich atme so schnell und tief ein und aus, wie ich kann. Von meinen Nachbarn höre ich nichts. Ich bin der Einzige, der komische Atemgeräusche von sich gibt. Ich bemerke, wie sich durch den erhöhten Sauerstoffgehalt im Blut meine Hände anfangen zu verkrampfen. Meine Finger ziehen sich immer weiter zusammen und pressen sich aneinander. Meine Hand knickt vom verkrampfen der Unterarm-Muskeln ab, so dass das Gelenk von der Spannung zu schmerzen beginnt. Mein ganzer Körper kribbelt wie eingeschlafen. Dann passiert das, worauf ich gehofft habe. Ich komme mit bisher unbewussten Gefühlen in Kontakt. Ich fange an zu weinen wie ein Baby. So viel Schmerz, so viel Leid. Ich weiß nicht, woher der kommt. Aber irgendwie ist der in mir drin, sonst würde ich ihn jetzt nicht fühlen. Und er ist alt. Er kommt wahrscheinlich aus einer Zeit, als ich noch keine Worte für meine Gefühle hatte. Ich fühle einfach nur hin. Ich lasse ihnen freien Lauf. Ich weine, ich schluchze, ich schreie und bin so traurig. Ich gehe durch das ganze Gefühl durch. Auf einmal ebbt es ab. Ich habe es geschafft. Ich bin durchgegangen. Ich muss anfangen laut zu lachen und bin glücklich. Aber ich kann mich vor Verkrampfung kaum bewegen.

Ich hebe meinen zusammengezogenen Arm und winke hin und her. Luca, der Schamane kommt vorbei. „Ich muss auf’s Klo.“ – nuschle ich durch meinen verkrampften Mund. Er hilft mir hoch und zur Toilette zu kommen. Ich kann kaum gehen, meine Augen kaum offen halten und meine Handgelenke tun so sehr weh, da die Hand von den verkrampften Muskeln so unter Spannung steht. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie schwierig es für mich war die Hose aufzubekommen.

Ich werde zurück zu meinem Platz geleitet und soll weitermachen. „Vollgas.“ Mein Körper verkrampft sich weiter und ich durchlaufe einen neuen Prozess. Das wusste ich noch nicht. Man kann also mehrere Themen hintereinander bearbeiten. „Krass.“ Dieses mal habe ich Visionen für meine Selbstständigkeit. Ich wünsche mir, dass ich meine Gedanken aufschreiben kann, aber das ist körperlich nicht möglich. Also hoffe ich, dass ich mich an sie erinnere. Und ich muss erneut auf’s Klo. Das Prozedere beginnt von vorn. Ich kann kaum sprechen, weil auch mein Mund so verkrampft ist. Er hatte sich immer weiter zugezogen, so dass ich Angst hatte zu ersticken und in dessen Folge weniger stark geatmet hatte. Aber jetzt musste ich wieder aufstehen und bekam erst einmal einen heftigen Wadenkrampf. So heftig, dass ich aufschrie. Auf dem Weg nach draußen zur Toilette meinte der Schamane. „Genieße deinen Zustand, wer weiß, wann du das nächste mal wieder so leidest.“ Wenn der wüsste.

Dieses mal sind meine Hände so verkrampft, dass ich meine Hose nicht mehr auf bekomme. Ich stehe also verzweifelt auf dem Klo, muss mal und bekomme meine Hose nicht runter. Ich bin einfach hilflos. Deswegen atme ich langsamer, so dass ich meine verkrampften Finger unter größten Schmerzen wieder bewegen kann. Es klappt. Dann noch eine Atemsession. Der Nachmittag hat es mir gegeben. Ich bin völlig erschöpft.

Am nächsten Morgen startet gleich die nächste Atem-Session. Ich habe meine Erstickungsangst am Abend zuvor reflektiert. Selbst wenn sich mein Mund von der Verkrampfung vollständig verschließen würde, könnte ich noch immer durch die Nase atmen. Das klingt logisch. Doch sage mal einem Klaustrophobiker, dass im Fahrstuhl genügend platz ist. Oder dass auch größere Spinnen oder Fledermäuse völlig ungefährlich sind. Ängste sind machmal auf den ersten Blick irrational. Ich hatte bereits ein Erstickungstrauma. Die Angst davor kommt in mir hoch. Ich beschließe bei der heutigen Übung voll durchzugehen und wenn nötig, auch zu ersticken (was ja nicht passieren wird).

Also fange ich an zu schnaufen. Und da kommt sie – die Angst vor dem Ersticken. Ich schiebe Panik. Aber mein Verstand ist nicht ausgeschaltet. Trotz der Angst bleibe ich bei meiner Aufgabe weiter zu schnaufen. Ich bemerke, wie ich komplett durchgeschwitzt und verkrampft bin. Ich schnaufe weiter. Auf einmal bemerke ich, wie in mir ein Lebensdrang hochkommt. Von wegen sterben. Immer stärker drängen sich mir die Worte auf: „Ich will, ich will, ich will (Leben)“ Auf einmal lösen sich die Verkrampfungen, trotz starkem Schnaufen, auf. Ich habe das Gefühl meine Wirbelsäule längt sich und das ich mich ausdehne. Ein unfassbares Erleben. Ich komme auf ganz neue Weise in meine Kraft, bin total balanciert und agil. Ich bin wieder durchgegangen. Stolz schnaufe ich weiter. Luca, der Schamane lobt mich. Ich mich auch. Da habe ich etwas Altes aufgelöst.

Hier ein kleiner Beitrag zur Atemarbeit

Nachmittags machen wir eine Schwitzhütte. Dazu wurde ein Iglu aus Bambus errichtet, welches mit lichtdichten Decken überworfen wurde. Wir sind ungefähr 20 Personen. Die meisten sind Inder, die sich mit einem Handtuch bekleidet in das kleine Iglu quetschen. Dreiviertel sind Männer. Normalerweise sind es deutlich mehr Frauen, die teilnehmen. Es ist schon richtig finster. Nur der kleine Eingang ist noch offen. Durch diesen werden jetzt heiße, rotglühende Steine auf einer Mistgabel hineingereicht, die in ein in der Mitte befindliches Loch gelegt werden. Der Eingang wird verschlossen. Das rötliche Licht der Steine scheint noch aus dem Loch. Dann schüttet Luca einen Becher Wasser hinein, welches sofort zischend verdampft. Es ist nun stockfinster. Eine halbe Stunde lang wird gebetet und gesungen. Ich bete für mich, meine Mutter und alles andere. Vier mal findet diese Prozedur statt. Vier mal eine halbe Stunde.

Danach bin ich richtig fertig. Die Atemarbeit am Morgen plus vier mal eine halbe Stunde Schwitzhütte – mir reicht es richtig. Die letzte Stunde ich der Sauna habe ich ernsthaft gelitten. Das Seminar ist ohne Verabschiedung zu Ende gegangen und alle gehen ihren Bedürfnissen nach. Abends um neun trete ich den einstündigen Weg zu meiner neuen Unterkunft an. Ich kann meine Augen in der Delhi-U-Bahn kaum offen halten. Sie brennen und sind schwer. Im Hotel angekommen, werde ich in ein echtes Loch einquartiert. Aber ich fühle mich zu schwach, um zu intervenieren. Deswegen belasse ich es für heute dabei und beschließe am nächsten Tag die Unterkunft zu wechseln.

Als ich erwache fühle ich mich noch immer schlapp. Ich merke, wie die Erfahrungen in mir arbeiten. Das laute und dreckige Delhi macht mir zusätzlich zu schaffen. Ich entschließe mich, einfach noch ein wenig Pause zu machen. Alles in Allem war das Seminar eine richtig gute Erfahrung. Doch jetzt muss ich zur Thailändischen Botschaft.

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Es hat Spaß gemacht, das zu lesen und ich bewundere Dich, dass du dir das „angetan“ hast. Ich finde es sehr schön ausbalanciert geschrieben, ich glaube, deine Erfahrungen in einem Buch würden auf jeden Fall Leser finden 😉 Danke fürs Teilen!

Hahahaha, vielen Dank für deinen Kommentar. Vielleicht schreibe ich ein nächstes Buch darüber. Ich habe ja gerade ein erstes veröffentlicht. https://www.amazon.de/dp/1539682625/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1479617700&sr=8-1&keywords=steffen+raebricht

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